22.08.2007
15.09.2007
Ausstellung
 
 

jetzt & immer

Sabian Baumann

Zur Saisoneröffnung 2007/08 zeigt Les Complices* eine Ausstellung mit Objekten und Zeichnungen von Sabian Baumann. Neben dem bekannteren zeichnerischen Werk realisiert Sabian Baumann auch Animations- und Dokumentarfilmprojekte und dreidimensionale Werke, auf letztere konzentriert sich die Ausstellung jetzt & immer.

Im Schaufenster sind zwei Arbeiten zu sehen, die gemeinsam den Titel der Ausstellung formulieren: jetzt & immer. Das maskenähnliche Objekt, ohne titel (2007) im linken Schaufenster, das als Gesicht, Make-up, Hülle oder Maskerade gedeutet werden kann, zeigt eine Fratze, in deren linkem Auge Abziehbilder schneller Autos kleben. Das anderen Auge ist mit Spiegelfolie ausgekleidet, sodass die Betrachter_innen in der Maske Versatzstücke des eigenen Gesichtes erkennen können. Dieser Spiegel ermöglicht es der Künstlerin ihr Publikum in das Objekt zu integrieren, indem die Betrachtenden in der Reflextion auf sich selbst zurückgeworfen und somit die Distanz der unbeteiligten Betrachtung ansatzweise aufgebrochen wird. In der rechten Fensterseite befindet sich eine Art Unterleib. Zwei "Steckenbeine" stehen in übergrossen Clownschuhen, der eine Fuss fest am Boden macht sich der Andere auf den Weg die Wände hoch. Dort wo die beiden Beine aufeinander treffen befindet sich ein unförmiges Hüftgelenk aus roher Tonerde.

Half Balls, Half Decay (2007), eine Skulptur vor einem auf die Wand gemalten schwarzen Quadrat, vermischt zwei herkömmlich getrennte Formen des künstlerischen Ausdrucks. Ähnlich wie in der Arbeit Malerei und Skulptur zusammenfinden, wird in einer anderen, titellosen Skulptur, der normalerweise schlicht der Präsentation dienliche Sockel in das Werk integriert und somit seiner angestammten Funktion enthoben. Die aufgebrochene Aussenwand des Sockels legt den Blick frei auf ein Innenleben aus verchromten Tischbeinen und Lackfarbe. Beiden Werken gelingt es durch das Spiel mit Bilderrahmen und Sockel ihren Status als Kunstobjekt mit der Frage nach den Rahmenbedingungen der Kunstpräsentation zu verbinden.

Alle in der Ausstellung jetzt & immer enthaltenen Masken und Objekte zeigen neben den mit matter und glänzender Farbe lackierten Flächen verschieden Stellen an denen rohe Tonerde sichtbar bleibt. Im Vergleich zu den angestrichenen Oberflächen wirken diese echter und "lebendiger", der Anstrich verkommt zur Maskerade, einer austauschbaren Oberfläche, die das Rohe überdeckt. Anders als die "lesbaren" Maskeraden, die Prestigeobjekte, Geschlechtsmerkmale oder bekannte Werke der Kunstgeschichte zeigen, kommt der rohen Tonerde die Qualität des Unbestimmbaren zu. Die klumpige Masse kann gleichermassen als Rohmaterial, als Ausgangslage für die ausgeformten und mit Farbe lackierten Partien der Objekte oder als Verweigerung einer klaren Identitätszuschreibung gelesen werden. Was in der Maskerade der geltenden Ordnung zu folgen scheint, wird, wo die rohe Tonerde sichtbar ist, zu einem amorphen Klumpen.

Sowohl die Skulpturen wie die Zeichnungen Sabian Baumanns nutzen Comic-Figuren oder Versatzstücke des Theatralischen, wie Clownschuhe, Make-up artigen Farbauftrag oder maskenhafte Gesichtsfragmente zur Darstellung teilweise dramatischer Situationen. Das "Unschuldige", verkörpert durch einnehmende Tier- und Menschengestalten in der vermeintlich idyllisch bunten Comic-Welt wird insbesondere in den Zeichnungen den Abgründen der Gesellschaft ausgesetzt. Wie auch schon einige Zeichnungsserien von Sabian Baumann, demonstrieren ihre neueren Skulpturen die Geste des Augenzwinkerns, die spielerisch normative Gesellschaftsnormen zu brechen sucht, nicht ohne sich dabei hie und da einen bösen Scherz zu erlauben.

Links: sabianbaumann.ch