27.01.2010
10.02.2010
19:39 Uhr
Veranstaltungsreihe
Gespräch
 
 

Wissenschaft, eine Sehnsucht der Kunst? Kunst, eine Sehnsucht der Wissenschaft?

Einführung und Gesprächsleitung: Dagmar Reichert

Ein öffentliches Gespräch über gegenwärtige Tendenzen in der künstlerischen Forschung auf der Basis einer gemeinsamen Betrachtung ausgewählter Arbeiten.

Teil 1: Kriterien der ästhetischen Theorie?
Diskussion zu Werken von Maria Eichhorn, Alice Creischer & Andreas Siekmann
Mittwoch, 27. Januar 2010, 19.30

Teil 2: Ästhetische Theorie als Kriterium?
Diskussion zu Werken von Zach Formwalt, Andrea Fraser, u.a.
Mittwoch, 10. Februar 2010, 19.30


In den letzten Jahren wird viel von künstlerischer Forschung geredet. Dies überwiegend an Kunstfachschulen, die – neu "hochschulisiert" – nun auch forschen müssen und darüber nachdenken, was Forschen für sie bedeuten kann. Aber auch im Zusammenhang mit Stipendien oder Auszeichnungen ist häufig von "research based art" zu lesen. 

Was meinen die Bezeichnungen "künstlerische Forschung" oder "research based art"? Mein persönlicher Ausgangspunkt ist, dass Kunst immer schon als Forschung betrieben wurde, als Forschungen mit einer eigenen, nämlich ästhetischen Rationalität, die der begrifflichen wissenschaftlichen Rationalität gegenübersteht. Ausgebildet als Wissenschaftlerin sehe ich gerade darin die Stärke künstlerischen Arbeitens. Texte der ästhetischen Theorie helfen mir, diese Stärke genauer zu beschreiben. Doch sind meine Ansichten haltbar (ein Text, in dem ich sie genauer formuliert habe, liegt bei*) oder lediglich Ausdruck einer Sehnsucht der Wissenschaft, ein anderer Bereich von Vernunft möge die Grenzen überwinden können, die sie für ihr eigenes Vorgehen sieht? Und, von daher gefragt, zeigen anerkannte Arbeiten einer "research based art" nicht eine umgekehrte Sehnsucht, eine Sehnsucht nach Wissenschaftlichkeit? Besonders häufig – scheint mir – zeigt sie sich bei Versuchen eine beabsichtigte Gesellschaftskritik irgendwie allgemeingültig zu legitimieren. Was bleibt solcher Kunst von jener ästhetischen Rationalität, die ich für ihre Stärke hielt? Eher als die Kunst meinerseits zu einer Leistung verpflichten zu wollen, interessieren mich jedoch die Einschätzungen und Zielsetzungen von Kunstschaffenden selbst: Hierzu, und in der Folge z.B. auch darüber, wie weit sie die – pragmatisch nachvollziehbaren – Versuche kunstmarktkritischer oder gesellschaftlich intervenierender KünstlerInnen unter einem Label "Forschungskunst" subventionierten Unterschlupf zu finden künstlerisch gesehen für einen fruchtbaren Weg halten. 

Es scheint mir wichtig, solche Fragen auch ausserhalb der Kunsthochschulen zu diskutieren. Bei Les Complices* möchte ich dabei von konkreten künstlerischen Arbeiten ausgehen, von Arbeiten, die mir persönlich spannend scheinen "obwohl" sie als "research based art" gehandelt werden. So möchte ich meine Skepsis gegenüber dieser Bezeichnung auf die Probe stellen und hoffe im Gespräch an den beiden Abenden mit meinen eigenen Fragen weiterzukommen. (Vielleicht liesse sich ja auch behaupten, dass derzeit, von Bild- Kommunikationstechnologien ermöglicht, im Bereich zwischen wissenschaftlichen und künstlerischen Forschungsweisen ein eigener, dritter Bereich von Forschungsweisen entsteht. Dritte Forschungsweisen, die neben den Erkenntnissen, die Wissenschaften vermitteln können und den Erkenntnissen, die Künste vermitteln können einen weiteren Erkenntnisbereich eröffnen. Geht es bei dem, was unter Forschungskunst gesucht wird, vielleicht um einen solchen?)

Text: Dagmar Reichert

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Links: www.dagmar-reichert.ch